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Inklusion in der Schule: Tagung ermöglicht Austausch zwischen Forschung und Praxis

07.06.2021

Mit einer Ergebnistagung des Projekts INSIDE hat das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) erstmals ein Konferenzformat umgesetzt, das sich an die Teilnehmenden des Projekts INSIDE („Inklusion in der Sekundarstufe I in Deutschland“) und damit auch an Praktikerinnen und Praktiker der Inklusion im schulischen Bereich richtete. Die INSIDE-Projektteams aus Bamberg, Wuppertal, Berlin und Potsdam stellten in einer virtuellen Konferenz Anfang Mai ausgewählte Forschungsergebnisse der vergangenen vier Jahre vor und diskutierten diese mit den Teilnehmenden. In diesem Austausch zeigte sich, dass Inklusion in den einzelnen Schulen unter ganz unterschiedlichen Rahmenbedingungen umgesetzt wird, die Erfahrungen der Beteiligten über Regionen und Bundesländer hinweg jedoch sehr ähnlich sind.

 

Fokus Projekt
In ihrem Eingangsvortrag stellte Dr. Monja Schmitt, INSIDE-Projektleiterin am LIfBi in Bamberg, das Projekt, die zentralen Forschungsfragen und die Projektphasen (Teilstudien) der vergangenen vier Jahre – auch vor dem Hintergrund der veränderten Situation durch Corona – vor. Es gibt in Deutschland sehr unterschiedliche Ansätze, wie Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischen Förderbedarfen an allgemeinen Schulen etabliert werden soll, jedoch keine aussagekräftige Darstellung des Ist-Zustands der Inklusion. INSIDE setzt zur Schließung dieser Forschungslücke auf wiederholte Erhebungen, in denen verschiedene, an Inklusion beteiligten Personenkreise befragt werden: Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarfen, Eltern, Lehrkräfte, Schulleitungen und Schulbegleitungen. Deutschlandweit sind rund 280 Schulen und 4.600 Schülerinnen und Schüler (davon 13 % mit sonderpädagogischen Förderbedarfen) an INSIDE beteiligt.

Fokus Corona
Im Jahr 2020 wurden kurzfristig zusätzliche Fragen zum Lernen und der Wahrnehmung von Schule in Zeiten von Corona in die Erhebungen aufgenommen. Dr. Cornelia Gresch, INSIDE-Projektleiterin am Institut zur Qualitätssicherung in der Bildung (IQB) am Standort Berlin, stellte bei der Ergebnistagung die gemeinsam mit Monja Schmitt (LIfBi) ausgearbeiteten Ergebnisse der Corona-Befragung vor, die im Herbst 2020 durchgeführt wurde. Ihr Fazit: Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarfen brauchen vergleichsweise mehr Unterstützung beim Lernen auf Distanz und haben zum Teil zusätzlich ungünstigere Ausgangsbedingungen, etwa was den Zugang zu digitalen Arbeitsgeräten betrifft. In der anschließenden, regen Diskussion bestätigten viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Befunde mit dem eigenen Erleben in der Schulpraxis.

Fokus Lehrende
INSIDE betrachtet nicht nur die Situation der Schülerinnen und Schüler mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarfen, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen sonderpädagogischen und allgemeinpädagogischen Lehrkräften. Dazu stellte Prof. Dr. Michael Grosche, INSIDE-Projektleiter an der Bergischen Universität Wuppertal, das „Modell der kooperativen Kokonstruktion“ und erste Befunde von INSIDE dazu vor. Dieser pädagogisch-didaktische Ansatz zielt auf das Lernen durch Zusammenarbeit und soziale Interaktion ab.

Fokus Leistungsbeurteilung
Die Schwierigkeiten der Leistungsbeurteilung im inklusiven Kontext waren Thema des Vortrags von Prof. Dr. Katrin Böhme, INSIDE-Projektleiterin an der Universität Potsdam. Erhoben wurden die zugrundeliegenden Daten im Frühjahr 2019 und 2020 im Rahmen der Befragungen von Lehrkräften. Hier zeigte sich, dass für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarfen durchaus differenzierte Vergleichsmaßstäbe für die Leistungsbeurteilung verwendet werden. Gleichwohl ist die Leistungsbeurteilung an Schulen in Deutschland immer noch stark auf Noten und Leistungstests fokussiert. Böhme stellte zur Diskussion, dass alternative Methoden zur Leistungsbeurteilung, die sich auf die individuelle Lernentwicklung aller Schülerinnen und Schüler beziehen, stärker berücksichtigt werden sollten.

Fokus Schulbegleitungen
Eine Besonderheit des inklusiven Lernens sind Schulbegleitungen, die – neben Barrierefreiheit und Nachteilsausgleich – Thema eines Vortrags von Lena Külker und Cornelia Gresch (IQB) waren. Die Rolle dieser Personen, die Kinder mit Unterstützungsbedarf individuell im Schulalltag begleiten, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt – zumal es hier deutschlandweit (noch) keine einheitlichen Ausbildungsstandards und Modelle gibt. 3 % der Schülerinnen und Schüler, die an INSIDE teilgenommen haben, werden von einer Schulbegleitung  unterstützt. Die Erhebungen zeigen, welche unterschiedlichen Aufgaben die Schulbegleitungen in den Klassen übernehmen, und welche verschiedenen Bedarfe die unterstützten Kinder haben.

Intensiver Austausch zwischen Forschung und Praxis
Eine Ergebniskonferenz mit den und für die Teilnehmenden einer Studie war auch für die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine nicht-alltägliche, aber bereichernde Erfahrung, für die Monja Schmitt und die anderen Projektleitungen in ihren Schlussworten allen Beteiligten außerordentlich dankten. Mit dem Format hatte das INSIDE-Team angestrebt, ein möglichst umfassendes Bild des Projekts zu vermitteln, konkrete Forschungsergebnisse vorzustellen und mit den Praktikerinnen und Praktikern in Austausch zu treten. In den Diskussionen nutzen die Teilnehmenden immer wieder die Gelegenheit, ihre eigenen Erfahrungen mit Inklusion zu schildern. Eine teilnehmende Schulleiterin fasste zusammen: „Vielen Dank, dass Sie unsere alltäglichen Erfahrungen mit ihren Erhebungen sichtbar machen!“

 

Videoaufzeichnungen aller Vorträge stehen auf der 
Konferenzseite zur Verfügung: 

https://www.inside-studie.de/Ergebniskonferenz