In Deutschland hat mehr als jede vierte Person einen Migrationshintergrund und die Zahl der Einbürgerungen steigt. So nimmt auch der Anteil wahlberechtigter Menschen mit eigener Zuwanderungsgeschichte oder familiärer Migrationserfahrung stetig zu.
Sabrina Mayers leitende Frage: Greifen die etablierten Theorien zu Wahlverhalten auch für Wähler:innen mit Migrationsgeschichte – und wenn ja, wann und warum?
Zentrale Befunde
- Wahlbeteiligung und Wahlentscheidung lassen sich grundsätzlich mit Standardmodellen erklären, etwa mit Ressourcen, politischer Einbindung und Mobilisierung (Civic Voluntarism) sowie Parteibindung und kurzfristigen Faktoren (Michigan‑Modell). Unterschiede zeigen sich eher in den Gewichtungen (z. B. stärkere Rolle der Bildung in Teilgruppen), nicht in ganz eigenen Mechanismen.
- Trotzdem bestehen Lücken: Sie entstehen etwa durch spätere oder anders verlaufende Einstellungsbildung, ungleiche Ressourcenakkumulation über den Lebensverlauf und geringere Mobilisierungseffekte durch Wahlkampagnen.
- Kontext und Identität zeigen Grenzen der Standardmodelle auf: Am Beispiel russlanddeutscher Wähler:innen und gezielten Wahlkampagnen der AfD zeigt sich, dass gezielte Ansprache und ethnische Identitätsmobilisierung parteipolitische Präferenzen und Wahlentscheidungen mitprägen können.
Einblicke, die bleiben
Bereits vor und auch nach der Lecture nutzte das LIfBi-Team die Gelegenheit zum fachlichen Austausch mit Sabrina Mayer, beispielsweise zur Migrationsforschung im NEPS, dem Schwerpunkt zu Civic Literacy und politischer Teilhabe in der NEPS-SC8 sowie zu methodischen Herausforderungen. Für die Mitarbeitenden des LIfBi besonders wertvoll war der Dialog zu Erhebungsmethodik, insbesondere zu Sampling und Teilnehmendengewinnung. Die IMGES‑Erfahrungen zeigen: Bevölkerungsgruppen mit Migrationsgeschichte gelten zwar als schwerer zu befragen, Teilnahmequoten sind niedriger, doch intensive Feldarbeit kann dem entgegenwirken. Ein Experiment belegte, dass persönliche Ansprache die Teilnahme und Panelbindung spürbar erhöht.