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Führen weiterführenden Schulen alle weiter? Über Auswirkungen des Schultyps auf den Bildungserfolg

12.01.2020

Die Debatten um das mehrgliedrige Schulsystem in Deutschland haben eine lange Tradition – führt die Unterteilung in verschiedene Schularten zu einer besseren Förderung nach Fähigkeiten oder zementieren sich dadurch soziale Ungleichheiten? Prof. Dr. Malte Reichelt von der New York University Abu Dhabi und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) in Nürnberg ging in seinem Vortrag am 09. Januar 2020 am LIfBi auf methodisch spannende Art der Frage nach, ob die Schulart nach der vierten Klasse den Bildungserfolg festlegt.

Prof. Dr. Corinna Kleinert, Leiterin der Abteilung 2 am LIfBi, begrüßt Gastredner Prof. Dr. Malte Reichelt im Rahmen des Abteilungskolloquiums. 

Am Ende der vierten Klasse müssen sich die Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern in der Regel entscheiden: Auf welche weiterführende Schule soll es gehen – Haupt-, Realschule, Gymnasium oder doch Gesamtschule? Welche Tragweite diese Entscheidung für den späteren Bildungserfolg hat, untersuchten Malte Reichelt von der NYUAD und dem IAB und Abraham Hdru vom Institute for Analytical Sociology mit Hilfe der Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS, Startkohorte 3 „Klasse 5“). Dazu betrachteten sie Schülerinnen und Schüler der fünften Klasse in unterschiedlichen Schularten und gruppierten diese mithilfe des „Coarsened Exact Matching”-Verfahrens (CEM), das quasi „statistische Zwillinge“ sucht, nach ähnlichen Vorrausetzungen wie Geschlecht, Aspirationen, Erwartungen und Fähigkeiten. Dann verglichen sie die Veränderungen der Aspirationen und Kompetenzen der Schulkinder im Verlauf der Sekundarstufe.

Wahrscheinlichkeit, die Oberstufe zu besuchen, ist bei Gesamtschulen höher

Verstärkt die Einteilung der Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen Schularten nun die bestehenden sozialen Ungleichheiten oder ist es einfach nur eine Unterteilung der Kinder nach Fähigkeiten? Die Einteilung sollte in der Theorie zu insgesamt besseren Lernergebnissen führen und gegebenenfalls auch negative Auswirkungen des sozioökonomischen Hintergrunds ausgleichen. Die Untersuchung ergab, dass Kinder mit gleichen Voraussetzungen mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten in die Sekundarstufe II (z.B. gymnasiale Oberstufe oder Fachoberschule) vorrücken, je nachdem, ob sie getrennte Schularten oder Gesamtschulen besuchten. Im Durchschnitt zeigen sich keine signifikanten Unterschiede in den Bildungserfolgen zwischen den beiden Schulformen. Im Vergleich zu Gesamtschulen zeigen Schülerinnen und Schüler mit ähnlichen Vorrausetzungen in Mittel- und Realschulen aber deutlich niedrigere Übertrittswahrscheinlichkeiten und reduzieren ihre Ansprüche und Erwartungen mit der Zeit, insbesondere wenn sie mehr Kompetenzen im Vergleich zu den Mitgliedern ihrer Schulklasse besitzen. In Gymnasien dagegen erzielen vergleichbare Schulkinder bessere Leistungen als auf Gesamtschulen. Die individuellen Ambitionen der Schülerinnen und Schüler passen sich jeweils dem Durchschnitt der von ihnen besuchten Schulart an.

Reichelt zieht damit ein ernüchterndes Fazit: Die Untersuchung stellt für die getrennten Schularten des mehrgliedrigen Schulsystems fest, dass die vorgezeichneten Wege zu einer Determinierung des späteren Abschlusses der Schülerinnen und Schüler beitragen.

Prof. Dr. Malte Reichelt ist Assistenzprofessor für Sozialforschung und -politik an der NYU Abu Dhabi, sowie Global Network Assistent Professor an der NYU. Außerdem ist er am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsfeldforschung (IAB) tätig.

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