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Ein Baum mit vielen Ästen: Wie die TREE-Studie wächst

07.07.2020

Seit bald 20 Jahren gibt es schon die schweizerische TREE-Studie „TRansitionen von der Erstausbildung ins Erwerbsleben“ – eines der Vorbilder des Nationalen Bildungspanels (NEPS). Im Rahmen der LIfBi Lectures berichteten die beiden Projektleiter Prof. Dr. Ben Jann und Dr. Thomas Meyer vom Institut für Soziologie der Universität Bern über die Entwicklungen des Panels und seine Ergebnisse.

 

Die TREE-Studie untersucht den Übergang Jugendlicher von der Schule ins Erwachsenenleben. Die erste Stichprobe (TREE1) ging aus der PISA-Studie im Jahr 2000 hervor und startete mit über 6.000 Jugendliche im Alter von durchschnittlich 16 Jahren. Seitdem folgten zehn Erhebungswellen, bei denen die Bildungs- und Arbeitsmarktverläufe der Panelteilnehmenden detailliert erfragt wurden.

2016 wurde analog zu TREE1 eine zweite Stichprobe (TREE2) gezogen, in der fast 10.000 Jugendliche (Ausgangsstichprobe) seitdem längsschnittlich befragt werden. Laut Meyer ist sie damit hinsichtlich des Alters mit der NEPS-Kohorte „Klasse 5“ (SC3) vergleichbar. Ebenso wie die Daten des NEPS werden auch die TREE-Daten der Wissenschaftsgemeinschaft kostenlos zur Verfügung gestellt, und zwar online vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften (FORS) in Lausanne. Die ersten Daten der zweiten Kohorte (TREE2) werden ab Oktober 2020 zugänglich gemacht und umfassen die Startbefragung sowie die ersten beiden Nachbefragungswellen.

Das Design von TREE2 als Basiserhebung
Ko-Projektleiter Thomas Meyer gab einen Einblick in das Forschungsdesign und die verwendeten Erhebungsinstrumente, die – ähnlich wie das NEPS – neben soziodemographischen Daten unter anderem auch Kompetenzen, Persönlichkeit, Gesundheit, Werte und Aspirationen erfassen. Seit 2010 wird darüber hinaus auch die familiäre Situation, beispielsweise Angaben zur Kinderbetreuung, erhoben.

„TREE2 haben wir dabei als Basiserhebung konzipiert, an die – wie bei einem Lego-Stein – andere qualitative oder experimentelle Studien, Sub-Samples oder Registerdaten angedockt werden können“, beschrieb Thomas Meyer das Design der Studie. Die TREE-Daten gehören zu den fünf in der Schweiz am häufigsten verwendeten sozialwissenschaftlichen Datensätzen. Meyer betonte den hohen Stellenwert von aktivem Datenmarketing, beispielsweise über Datenfachmessen.

Der lange Schatten des frühen Trackings
Im zweiten Teil stellte Meyer Charakteristiken des Schweizer Bildungssystems vor, das eine ausgeprägte institutionelle Heterogenität (26 Kantonsschulsysteme, 4 Unterrichtssprachen) und eine frühe und starke Segregation („Tracking“) aufweist. Daraus resultiert ein ganzes Geflecht aus unterschiedlichen Bildungsverläufen. „Diese vielfältigen Verläufe kommen auch im Titel der TREE-Studie zu Ausdruck, da sie sich wie die Äste eines Baumes entfalten“, beschrieb Meyer die umfassende, mehrdimensionale Sicht auf die Bildungswege.
Kritisch beleuchtete Meyer, dass sich das Schweizer Bildungssystem zwar als gerecht und durchlässig versteht, das Tracking aber die Verläufe für Schülerinnen und Schüler schon ab einem frühen Zeitpunkt stark vorzeichne. Das führe letztlich zu Ungerechtigkeiten und starken, stereotypen Gender-Effekten auf allen Bildungsebenen.

Gender-Gap in MINT-Berufen
Im letzten Teil der LIfBi Lecture stellte Ben Jann erste Analysen zur TREE2-Kohorte vor, deren Daten bislang noch nicht veröffentlicht sind. Jann ging der Frage nach, warum Frauen in der Schweiz relativ selten in MINT-Berufen vertreten sind, also in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Ergebnis der TREE2-Analysen war, dass Kompetenzunterschiede zwar einen Teil der Unterschiede zwischen Frauen und Männern hinsichtlich ihrer MINT-Aspirationen erklären; die Selbsteinschätzung dieser Fähigkeiten spielt aber eine wesentlich wichtigere Rolle: Frauen entscheiden sich seltener für MINT-Berufe, weil sie ihre Fähigkeiten im Vergleich zu Männern unterschätzen. „Der Unterschied in der Selbsteinschätzung, den wir für die Schweiz beobachten können, erklärt einen großen Teil des Gender-Gaps“, fasst Jann die Analysen zusammen.

LIfBi-Forschung zu MINT-Studierenden
Dazu passen Befunde von Dr. Ilka Wolter, Leiterin der Abteilung „Kompetenzen, Persönlichkeit, Lernumwelten“ am LIfBi, Lisa Ehrtmann (ebenfalls LIfBi), Prof. Dr. Tina Seidel (TU München) und Prof. Dr. Barbara Drechsel (Otto-Friedrich-Universität Bamberg), die anhand von NEPS-Daten die berufliche Zielorientierung von Frauen und Männern in MINT-Studiengängen untersucht haben. Sie kamen in einer Studie von 2019 zu dem Schluss, dass Studierende sich in ihren beruflichen Zielorientierungen im Studium unterscheiden, je nachdem in welchen Studiengängen sie eingeschrieben sind. In MINT- und nicht-MINT-Studiengängen treten geschlechtsstereotype Verteilungen auf: Ein Studium mit Ziel MINT-Beruf wird immer noch häufiger von Männern gewählt, bei Geistes- und Sozialwissenschaften sind Frauen klar in der Überzahl. MINT-Studierende verfolgen eher ökonomische Ziele für ihre berufliche Zukunft, nicht-MINT-Studierende streben eher nach gemeinwohlorientierten oder sozialen Zielen. Aber: Unabhängig davon, ob Frauen MINT-Fächer studieren oder nicht, bleibt ihre berufliche Zielorientierung eher gemeinwohl- oder sozial orientiert.

  • Präsentation des Vortrags von Prof. Dr. Ben Jann und Dr. Thomas Meyer im Rahmen der LIfBi Lecture am 23.06.2020 [PDF-Upload]
  • Literaturliste [PDF-Upload]
  • Website der TREE-Studie an der Universität Bern