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Virtuell und international: Rückblick auf die 5. NEPS-Konferenz

16.12.2020

Die 5. Internationale NEPS-Konferenz des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) im Jubiläumsjahr des NEPS fand am 7. und 8. Dezember 2020 statt. Rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 11 verschiedenen Ländern tauschten sich erstmals in einem rein virtuellen Veranstaltungsformat aus. In einem Festvortrag blickte die Leiterin des NEPS, Prof. Dr. Cordula Artelt, auf das die ersten 10 Jahre des Bildungspanels zurück. Gastrednerin war Prof. DPhil Michelle Jackson von der Stanford University zur Frage „Is Socioeconomic Inequality Fundamental?“. Zudem wurde wieder der „NEPS Publication Award“ für hervorragende Arbeiten auf Basis der NEPS-Daten vergeben.

 

In ihrem Festvortrag blickte Prof. Dr. Cordula Artelt auf die vergangenen zehn Jahre der Studie, auf Meilensteine und bisherige Erfolge zurück. So wurden inzwischen 141 Haupterhebungen durchgeführt, deren Daten in Form von 73 Scientific-Use-Files bislang von über 2.500 forschenden Datennutzerinnen und -nutzern aus 31 Ländern kostenfrei bezogen und zu Forschungszwecken genutzt werden. In ihrem Ausblick auf die kommenden Entwicklungen hob sie besonders die Potentiale der neuen Startkohorte 8 hervor, die ab 2022 eine neue Generation von Schülerinnen und Schülern der fünften Klasse in das NEPS integriert.

Michelle Jackson stellte in ihrem Keynote-Vortrag, der gleichzeitig das Jahresfinale der Reihe LIfBi Lectures darstellte, Überlegungen zum Einsatz der Theorie der grundlegenden Ursachen (fundamental causes) in der Analyse von sozioökonomischen Ungleichheiten dar. Die Fundamental-Causes-Theorie spielt vor allem im Bereich der gesundheitlichen Ungleichheit eine bedeutsame Rolle, kaum jedoch in anderen Disziplinen. Nach Ansicht von Jackson würde beispielsweise die Forschung auf dem Gebiet der Bildungsungleichheit davon profitieren, wenn sie sich den Ansatz der grundlegenden Ursachen zu Eigen mache. Demnach bietet die Theorie drei entscheidende Vorteile: Erstens hat sie eine klare Reihe von Aussagen, sie ist falsifizierbar und sie vermag das Ausmaß des theoretischen Konsens im Bereich der Ungleichheitsforschung aufzuzeigen. Zweitens würde eine Theorie der fundamentalen Ursachen es erforderlich machen, der Qualität der Messinstrumente größere Aufmerksamkeit zu schenken. Und schließlich könnte dieser Ansatz den Forschenden helfen, die Auswirkungen von Interventionen besser vorherzusagen.

  • Mehr zur Forschung von Michelle Jackson auf ihrer Website

Der mit einem Preisgeld von 1.000 EUR dotierte NEPS-Publikationspreis wurde auch in diesem Jahr aufgrund der hohen Qualität der zahlreichen Nominierungen geteilt. Zum einen wurde der im Journal of Educational Psychology erschienene Artikel „Comparing Apples and Oranges: Curricular Intensification Reforms Can Change the Meaning of Students’ Grades!“ von Nicolas Hübner, Wolfgang Wagner, Benjamin Nagengast (alle Universität Tübingen), Jan Hochweber (PH St. Gallen) und Marko Neumann (DIPF Frankfurt/Main) prämiert. Zum anderen erhielt Thomas Zimmermann (Goethe-Universität Frankfurt/Main) die Auszeichnung für seine Analysen zu „Social Influence or Rational Choice? Two Models and Their Contribution to Explaining Class Differentials in Student Educational Aspirations“, die im European Sociological Review erschienen sind.

Hübner et al. erklären in ihrem Beitrag, wie Schulreformen die Leistungsbeurteilung von Schülerinnen und Schülern verzerren können. Die Untersuchung zeigt anhand von Daten der NEPS-Zusatzstudie Thüringen, dass auch die Notengebung durch Lehrende von Reformen im Bildungssystem nicht unberührt bleibt – und ein Notenvergleich vor und nach einer Reform Gefahr läuft, die sprichwörtlichen Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Zimmermann analysierte anhand von Daten des NEPS, wie das Wisconsin-Modell der Statuserreichung (WIM) einerseits und die Rational-Choice-Theorie (RCT) andererseits den Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft der Schüler und ihren Bildungsaspirationen erklären können. Beide Theorien wurden bisher nur selten direkt anhand von groß angelegten empirischen Studien verglichen. Zimmermanns Analyse bestätigt, dass sowohl das WIM als auch die RCT jeweils unabhängig voneinander Aspirationen und Klassenunterschiede in den Aspirationen erklären können.

Außerdem wurde der Beitrag „Heading for New Shores: Moving From Traditional to Modern Paradigm of Teacher Professional Development“ von Florian Bühler, Nicolas Hübner, Christian Fischer und Kathleen Stürmer (Universität Tübingen) als bestes Poster der Konferenz gewürdigt und mit einem Preisgeld von 250 EUR bedacht.

  • Eine Zusammenfassung von „Comparing Apples and Oranges“ ist in der Reihe NEPS Ergebnisse kompakt erschienen. Abstracts zu beiden prämierten Publikationen sind außerdem hier zu finden.

In 15 Sessions mit je drei Vorträgen, bei zehn Posterpräsentationen und an einem virtuellen „Runden Tisch mit dem Forschungsdatenzentrum“ tauschten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über eine Vielzahl von Themen der empirischen Bildungsforschung von frühkindlicher Kompetenzentwicklung bis zu den Erträgen von Erwachsenenbildung aus. Methodische Ansätze und Erhebungsinstrumente wurden dabei ebenso diskutiert wie Ergebnisse aktuellster Erhebungen, beispielsweise zu den Folgen des Corona-Lockdowns in Deutschland. Einen besonderen Schwerpunkt der Vorträge bildete die Frage nach den Konsequenzen der Digitalisierung für Bildungsprozesse und einer angemessenen Operationalisierung diesbezüglicher Konstrukte.