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LIfBi Lecture: Wenn zählen nicht zählt

29.07.2022

In einer hybriden LIfBi Lecture gab Professor Pamela Davis Kean, Universität Michigan, am 19. Juli einen Überblick über die Entwicklung mathematischer Fähigkeiten von Kindern in den USA und deren Auswirkungen im Laufe des Erwachsenenalters. Dabei erklärte sie, warum aus ihrer Sicht die USA in internationalen Rankings hinterherhinken, und welche Auswirkungen die Fähigkeiten von Kindern im Kindergartenalter bis zum Ende der Highschool haben.

 

Seit Jahrzehnten bemühen sich die USA darum, die im internationalen Vergleich eher schwach ausfallenden mathematischen Kompetenzen der US-amerikanischen Schülerinnen und Schüler zu steigern. Dieses Anliegen stand bereits im Mittelpunkt mehrerer US-Bundesprogramme und -Initiativen von Förderorganisationen (NSF, NIH, IES, Gates Foundation). Die Erfolge dieser Maßnahmen blieben laut Davis-Kean jedoch hinter den Erwartungen zurück. In der PISA-Studie von 2015 etwa landete die USA mit 470 Punkten im Bereich Mathematik im internationalen Vergleich auf Platz 39 und damit unterhalb des OECD-Durchschnitts (490 Punkte). Durch die weltweite Pandemie-Lage und die damit verbundenen Schulschließungen haben sich weitere Lücken in den Mathematik-Kompetenzen aufgetan. Wie wichtig diese Kompetenzen aber sind, zeigen Untersuchungen, die sich auf mehrere US-amerikanische und internationale Datensätze stützen und die herausfanden, dass frühe mathematische Fähigkeiten spätere akademische Erfolge vorhersagen. Auch im Hinblick auf das spätere Einkommen wirken sich diese Kompetenzen positiv aus.

In ihrem Vortrag gab Professor Kean einen Überblick über die Forschungsarbeiten ihres Teams (Human Development and Quantitative Methods Lab [LINK]) zum Verständnis von Entwicklungs-verläufen mathematischer Kompetenzen. So fanden sie heraus, dass Unterschiede je nach sozialer Herkunft der Kinder bereits im Kindergartenalter vorhanden sind und über die gesamte Schulzeit hinweg bestehen bleiben. Dies bedeutet auch, dass es den Schulen nicht gelingt, die frühen Unterschiede auszugleichen und Kinder aus sozial benachteiligten Haushalten entsprechend zu fördern. Weiterhin untersuchten sie, wie Familien zuhause über Mathematik sprechen (Art und Weise, Häufigkeit, Länge und Komplexität der Äußerungen). Dabei zeigte sich, dass Äußerungen dieser Art generell nur selten vorkommen – wenn, dann etwas häufiger in Familien mit höherer Bildung. Zudem werden sie eher von der Mutter bzw. der Bezugsperson initiiert, und weniger von den Kindern selbst. Eine weitere interessante Erkenntnis war, dass das gemeinsame oder initiierte Zählen (als eine grundlegende mathematische Fähigkeit) zwar eine wichtige Vorstufe, aber kein sonderlich guter Prädiktor für spätere Mathematikkompetenzen ist. Denn fast alle Eltern zählen mit ihren Kindern. Fortgeschrittenere Fähigkeiten, wie das Subtrahieren und besonders das Verständnis von und Rechnen mit Brüchen sind bedeutsamer für die Erklärung späterer Unterschiede.

Davis-Kean untersuchte anhand von Längsschnittdaten, ob und wie sich die frühen Kompetenzen im Bereich Mathematik im Laufe der Schulzeit niederschlagen. Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang von Mathematik-Kompetenzen, die schon vor der Einschulung bei Kindern im Alter von 4,5 Jahren bestehen, und der späteren Kurswahl an der Highschool: Kinder, die in den frühen Jahren bereits über fortgeschrittene Fähigkeiten wie das Subtrahieren oder den Umgang mit Brüchen verfügen, belegen am Ende der Highschool auch fortgeschrittene Mathematik-Kurse und entscheiden sich häufiger für ein längeres Studium. Auch verdienen sie im Erwerbsleben im Durchschnitt mehr. Ihr Fazit: Ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der mathematischen Fähigkeiten in den USA wäre, die frühe Förderung genau wie beim Lesen auch in diesem Bereich auszubauen. Eltern und pädagogisches Fachpersonal können dazu beitragen – aber mathematisches Denken wird genauso wie Lesen in allen Kontexten erworben.

Link [extern] zum Profil von Professor Pamela Davis Kean an der Universität Michigan