Das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) in Bamberg untersucht Bildungsprozesse von der Geburt bis ins hohe Erwachsenenalter. Um die bildungswissenschaftliche Längs­schnittforschung in Deutschland zu fördern, stellt das LIfBi eine grundlegende, überregional und international bedeutsame, forschungsbasierte Infrastruktur für die empirische Bildungsforschung zur Verfügung. Kern des Instituts ist das Nationale Bildungspanel (NEPS), das am LIfBi beheimatet ist und die Expertise eines deutschlandweiten, interdisziplinären Exzellenznetzwerks vereint. 

13.10.2025

Langzeitstudie INSIDE zieht Bilanz: Wie Inklusion an weiterführenden Schulen gelingt – und wo sie an Grenzen stößt

Die Pflicht zur Umsetzung von Inklusion, also das gemeinsame Lernen von Schülerinnen und Schülern mit und ohne sonderpädagogische Förderbedarfe, ist eine der großen Herausforderungen für das deutsche Bildungssystem. Doch wie wirkt sich Inklusion auf den Schulalltag, den Lernerfolg und die soziale Teilhabe aus? Helfen inklusive Lernumgebungen nur Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischen Förderbedarfen oder profitieren alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen davon? Das bundesweite Forschungsprojekt INSIDE ("Inklusion in und nach der Sekundarstufe I in Deutschland") liefert dazu erstmals umfassende Längsschnitt-Daten – basierend auf einer 5-jährigen Langzeitstudie an 246 Schulen. In einem Sammelband der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (ZfE) werden nun ausgewählte Ergebnisse zum Stand der schulischen Inklusion veröffentlicht.

Das interdisziplinäre INSIDE-Projekt, eine Kooperation des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi), des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) bzw. der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), der Bergischen Universität Wuppertal (BUW) und der Universität Potsdam (UP), startete 2019 mit mehr als 4.000 Schülerinnen und Schülern mit und ohne sonderpädagogische Förderbedarfe (SPF) an 246 allgemeinbildenden Schulen und begleitete diese ab der sechsten  Jahrgangsstufe mit Befragungen und Kompetenztestungen durch die Sekundarstufe I. Ihre Schulleitungen, Lehr- und Fachkräfte sowie Eltern wurden ebenfalls befragt.

„Wir wollten wissen, wie Inklusion in den Schulen praktisch umgesetzt wird, welche Bedingungen Inklusion fördern, wie Schülerinnen und Schüler unterstützt werden und welche Folgen das gemeinsame Lernen beispielswiese für ihre schulischen Leistungen, ihr soziales Miteinander und ihren weiteren Bildungsweg hat“, fasst Dr. Amelie Labsch, Leitung des INSIDE-Projekts am LIfBi, die Forschungsziele des Projekts zusammen.

Inklusion in der Sekundarstufe: Ein gemischtes Bild
Bei den INSIDE-Daten handelt es sich um die umfassendste Datengrundlage im Längsschnitt, die bislang für die Untersuchung schulischer Inklusion in der Sekundarstufe I in Deutschland vorliegt. Die Beiträge des ZfE-Sammelbands zeigen zu ausgewählten Themenbereichen, dass Inklusion in der Sekundarstufe I weder durchweg gelingt noch grundsätzlich scheitert. Dabei richten die wissenschaftlichen Mitarbeitenden des INSIDE-Projekts und weitere Forschende aus dem Bildungsbereich einen Blick auf verschiedene inklusive Rahmenbedingungen, wie unter anderem die Gestaltung des inklusiven Unterrichts durch Lehrkräfte, und die Entwicklung inklusiv lernender Schülerinnen und Schüler. Unter anderem geht es um die folgenden Themen:

  • Lehrkräfte-Kooperation als Schlüsselfaktor
    Die Zusammenarbeit von allgemein- und sonderpädagogischen Lehrkräften ist zentral für erfolgreichen inklusiven Unterricht. Eine gute Vorbereitung, eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung und eine positive Arbeitsatmosphäre fördern die sogenannte ko-konstruktive Kooperation. Allgemeinpädagogische Lehrkräfte bewerten die Zusammenarbeit tendenziell positiver als ihre sonderpädagogischen Kolleginnen und Kollegen.
  • Einsatz digitaler Medien hängt von der Lehrkraft ab
    Der Einsatz digitaler Medien kann hilfreich sein, um auf die unterschiedlichen Lernbedürfnisse und -anforderungen von Schülerinnen und Schülern einzugehen. Die INSIDE-Daten zeigen, dass die inklusionsbezogene Selbstwirksamkeit von Lehrkräften entscheidend für ihre Einstellung zur Nutzung digitaler Medien im Unterricht zur Differenzierung von Lerngelegenheiten ist. Lehrkräfte, die sich gut darauf vorbereitet fühlen, inklusiv zu unterrichten, sind auch digitalen Medien im Fachunterricht gegenüber aufgeschlossener und sehen in solchen Medien eher eine Chance, Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern.
  • Inklusion und Demokratiebildung hängen positiv miteinander zusammen
    Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen der inklusiven Ausgestaltung einer Schule (z.B. mit Blick auf die Unterrichtsgestaltung oder die Teamstrukturen innerhalb der Schule) und der Wahrnehmung von Demokratiebildung in der Schule. Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte berichten eine stärkere demokratische Ausrichtung der Schule, wenn diese sich aktiv um inklusive Lernumgebungen bemüht.
  • Kompetenzentwicklung im inklusiven Unterricht fällt verschieden aus
    In der INSIDE-Studie wurden wiederholt die Kompetenzen aller Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Lesen und Mathematik untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass zu Beginn der Sekundarstufe, also von Jahrgangsstufe 6 nach 7 alle Schülerinnen und Schüler im Lesen und in der Mathematik dazu lernen. Lernende mit SPF zeigen aber erwartungsgemäß geringere Kompetenzen als Lernende ohne SPF, wobei die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern mit einem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen geringer ausfallen als die Kompetenzen von Lernenden mit anderen sonderpädagogischen Förderschwerpunkten, wie bspw. Sprache.
  • Elternnetzwerke fördern den Schulerfolg
    Eltern spielen eine entscheidende Rolle beim Bildungserfolg ihrer Kinder. Dazu zählen auch Kontakte, die Eltern zu Eltern von Mitschülerinnen und Mitschülern ihrer Kinder haben. Mit den INSIDE-Daten kann gezeigt werden, dass sich solche Elternkontakte innerhalb einer Klasse positiv auf den Schulerfolg von Schülerinnen und Schülern mit SPF auswirken, wenn nur wenige Kinder mit SPF in einer Klasse lernen.
  • Mehr Differenzierung – weniger Lernerfolg?
    Beim "Universal Design for Learning" (UDL) handelt es sich um Prinzipien, die den Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler zugänglich machen sollen – beispielsweise durch Differenzierung. Auswertungen der INSIDE-Studie dokumentieren, dass UDL-Prinzipien im Deutschunterricht etwas häufiger angewendet werden als im Mathematikunterricht. Für das Fach Mathematik zeigt sich ein negativer Zusammenhang zwischen der Anwendung der UDL-Prinzipien und dem Lernzuwachs der Schülerinnen und Schüler. Inwiefern dieser überraschende Befund mit der Klassenzusammensetzung oder der generellen Kompetenzentwicklung in Klassen mit leistungsschwachen Lernenden zusammenhängt, wird in dem Beitrag diskutiert.
  • Entwicklung von Sozialkompetenzen von Lernenden ohne SPF unabhängig vom inklusiven Lernkontext 
    Die Sozialkompetenzen von Schülerinnen und Schülern ohne SPF entwickeln sich weder systematisch besser noch schlechter, wenn sie im Laufe der Sekundarstufe I unter inklusiven Bedingungen lernen oder nicht. Entscheidend ist das Klassenklima: Wertschätzende Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern fördern die Entwicklung der Sozialkompetenzen von Kindern ohne SPF.
  • Schülerinnen und Schüler mit SPF erleben sich weniger als Teil der Klasse als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ohne SPF
    Erwartungsgemäß berichten Schülerinnen und Schüler mit SPF von einer geringeren sozialen Teilhabe als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ohne SPF. Dies trifft insbesondere auf diejenigen mit dem Förderschwerpunkt "emotionale und soziale Entwicklung" zu. Im Laufe der Sekundarstufe I nimmt die Einschätzung ihrer sozialen Teilhaben bei allen Schülerinnen und Schülern ab. Eine wertschätzende Beziehung mit Lehrkräften kann diese Negativentwicklung etwas abpuffern.
  • Individualisierter Unterricht kann soziale Teilhabe von Schülerinnen und Schülern fördern
    Individualisierende Unterrichtspraktiken in den Fächern Deutsch und Mathematik stehen in einem positiven Zusammenhang mit der sozialen Teilhabe von Schülerinnen und Schülern. Je stärker die Schülerinnen und Schüler wahrnehmen, dass ihre Fachlehrkräfte den Unterricht differenzieren und damit an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen, desto stärker erleben die Lernenden ihre soziale Teilhabe. Dies trifft insbesondere für diejenigen mit SPF zu

Der Sammelband ist bei Springer in der Buchreihe ZfE-Edition erschienen und kann hier gelesen und bezogen werden:

Zum kompletten Sammelband

 

Ausblick: Datenzugang für Forschende
Die im Sammelband erschienenen Befunde aus dem INSIDE-Projekt vermitteln einen Eindruck davon, welche Vielfalt an Fragestellungen sich mit den INSIDE-Daten bearbeiten lässt. Um weiteres evidenzbasiertes Wissen über Herausforderungen und Erfolge schulischer Inklusion generieren zu können, wird das Datenpaket der Forschungsgemeinschaft Ende 2025 über das Forschungsdatenzentrum (FDZ) des LIfBi kostenlos zur Verfügung gestellt und kann für vielfältige Fragestellungen und Analysen verwendet werden. 

Förderhinweis
Das Projekt INSIDE „Inklusion in und nach der Sekundarstufe I in Deutschland" wird durch das Bundesministerium für  Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ), ehemals Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), gefördert.

Zum INSIDE-Projekt

Weitere Neuigkeiten

NEPS | Nationales Bildungspanel

Das Nationale Bildungspanel ist die größte bildungswissenschaftliche Langzeitstudie in Deutschland. Durch die kontinuierliche Befragung und Testung von mehr als 70.000 Menschen entsteht und wächst ein international bedeutsamer Datenschatz, durch den Bildungsprozesse von der Geburt bis ins hohe Erwachsenenalter erforscht werden können.

Das NEPS vereint die Expertise von über 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an mehr als 13 Standorten deutschlandweit und ist am LIfBi in Bamberg beheimatet.

Großprojekte

 

Daten- und Serviceportal

Unser Daten- und Serviceportal beinhaltet das vollständige Angebot an Forschungsdaten des LIfBi und diesbezüglichen Dienstleistungen. Es informiert über die Voraussetzungen des Zugangs zu den Daten und unterstützt bei der Suche nach Variablen und Dokumentationsmaterialien. Das Portal verweist auf zahlreiche Hilfen für den Umgang mit den verfügbaren Scientific-Use-Files. 

Mehr anzeigen
unsplash/cytonn-photography
 

LIfBi Lectures

Die Vortragsreihe LIfBi Lectures bildet eine offene wissenschaftliche Dialogplattform über Fachgrenzen und Institutsbereiche hinweg. Gerade jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gibt die Vortragsreihe die Möglichkeit zur Vernetzung und zum interdisziplinären Dialog in unterschiedlichen Formaten rund um die Vorträge.

Zu den Veranstaltungen

Transfer

Zur Vermittlung unserer Forschungsergebnisse und dem Transfer unserer wissenschaftlichen Expertise werden am LIfBi die wichtigsten Themen und Aktivitäten des LIfBi aufbereitet, beispielsweise im Jahresbericht, in den LIfBi-News und im Newsletter LIfBi info. Unsere Transferberichte präsentieren Forschungsergebnisse allgemein verständlich.

Mehr erfahren

Publikationen

Die Forschenden am LIfBi publizieren zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten. Das Leibniz Institut gibt auch zwei eigene Publikationsreihen LIfBi Working Paper und NEPS Survey Paper sowie Transferberichte zu gesellschaftliche hochrelevanten Themen heraus.

Mehr erfahren

Karriere

Rund 250 Personen arbeiten derzeit am LIfBi in den Bereichen Forschung, Infrastruktur und Verwaltung. Unser wissenschaftliches Personal ist international und interdisziplinär aufgestellt – genau wie unsere Forschung. Diversität und Chancengleichheit gehören auf allen Ebenen zu unserem Selbstverständnis. Als familienfreundlicher Arbeitgeber unterstützt das LIfBi die Vereinbarkeit von Familienleben und Berufstätigkeit.

Mehr erfahren

Infrastruktur

Unsere Expertise als Infrastruktureinrichtung umfasst die Entwicklung von geeigneten Kompetenztests und Befragungsinstrumenten, über die Administration von großangelegten Bildungsstudien, bis hin zur Erforschung von wissenschaftlichen Methoden der Datenerhebung und -auswertung. Die gewonnen und aufbereiteten Daten stellen wir Forschenden weltweit kostenlos zur Verfügung. 

Mehr erfahren

Medien

Gerne vermitteln wir Ihnen Kontakte zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des LIfBi. Bei Medienanfragen bieten wir umfassende Unterstützung und organisieren Hintergrundgespräche für Politik, Redaktionen und Verbände. Unsere überregionalen Pressemitteilungen finden Sie im externen Presseportal. Auch in unseren Presseverteiler nehmen wir sie bei Interesse gerne auf.

Mehr erfahren