Das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) in Bamberg untersucht Bildungsprozesse von der Geburt bis ins hohe Erwachsenenalter. Um die bildungswissenschaftliche Längs­schnittforschung in Deutschland zu fördern, stellt das LIfBi eine grundlegende, überregional und international bedeutsame, forschungsbasierte Infrastruktur für die empirische Bildungsforschung zur Verfügung. Kern des Instituts ist das Nationale Bildungspanel (NEPS), das am LIfBi beheimatet ist und die Expertise eines deutschlandweiten, interdisziplinären Exzellenznetzwerks vereint. 

11.03.2026

Gleiche Leistung, ungleiche Chancen: Studie zeigt erstmals umfassend, wie die soziale Herkunft Bildungsungleichheit von der Kita bis zur Uni prägt

Eine neue Studie analysiert erstmals umfassend, wie soziale Herkunft in Deutschland den gesamten Bildungsverlauf eines Menschen beeinflusst – von der frühen Kindheit bis zum Übergang in Studium und Ausbildung. Die Autor:innen unterscheiden dabei zwischen den Einflüssen von Armut, Bildungsniveau und beruflichem Status der Eltern und messen deren Einfluss auf Kompetenzniveaus, Bildungsentscheidungen und Leistungsbeurteilungen. So kann genauer als in bisherigen Studien untersucht werden, an welchen Stellen soziale Ungleichheiten entstehen, wo sie sich fortsetzen, verstärken oder verringern. Möglich wird diese umfassende Betrachtung durch die Analyse von Bildungsverläufen von der Geburt bis zum Alter von 26 Jahren mit den Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS). Die neue Veröffentlichung identifiziert die Quellen der Ungleichheit im Bildungsverlauf und liefert damit einen grundlegenden Beitrag zur Debatte, wie Bildung in Deutschland gerechter gestaltet werden kann.

Die Ergebnisse der Analyse zeigen, dass soziale Bildungsungleichheiten sehr früh einsetzen und lange stabil bleiben. Die Studie erstellt dabei keine Momentaufnahme, sondern analysiert, wie sich früh entstehende Ungleichheiten langfristig entwickeln. Die Autor:innen, Prof. Dr. Marcel Helbig, Dr. Claudia Karwath und Prof. Dr. Corinna Kleinert vom Leibniz‑Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), blicken dabei nicht allein auf eine Dimension sozialer Herkunft, sondern auf kulturelle, soziale und finanzielle Ressourcen. Anders als in vorherigen Studien untersuchen sie nicht nur ein Bildungsergebnis, sondern (1) die Entwicklung unterschiedlicher Kompetenzen, (2) Bildungsentscheidungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten und schließlich (3) die Beurteilung von Schüler:innen durch Lehrkräfte. Ein besonderer Fokus liegt auf den Übergängen zwischen einzelnen Bildungsetappen. Diese Scharnierstellen im Bildungssystem bilden einen besonderen Nährboden für die Verfestigung von Ungleichheiten, bieten jedoch gleichzeitig Ansatzpunkte für deren Beseitigung.

Kompetenzunterschiede durch soziale Herkunft: Früher Beginn, lange Stabilität
Bereits in den ersten Lebensjahren von Kindern zeigen sich deutliche Unterschiede bei der Nutzung frühkindlicher Betreuungsangebote, die auf die verschiedenen Faktoren der sozialen Herkunft zurückzuführen sind. Während im zweiten Lebensjahr vor allem Eltern mit hohem beruflichem Status ihre Kinder außerfamiliär betreuen lassen, gewinnt im dritten und vierten Lebensjahr das Bildungsniveau der Eltern an Bedeutung. Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsniveau nehmen vor dem vierten Lebensjahr seltener an frühkindlicher Betreuung teil. (Abb. 1: Wahrschenlichkeit des KiTa-Besuchs)

Auch bei den Kompetenzen zeigen sich früh Unterschiede: Schon im Kleinkindalter unterscheiden sich Wortschatz sowie frühe mathematische und naturwissenschaftliche Fähigkeiten systematisch nach der sozialen Herkunft und vergrößern sich bis zum Schuleintritt. Diese Ungleichheiten setzen sich im weiteren Bildungsverlauf fort, etwa auch beim Lesen sowie bei computerbezogenen und digitalen Kompetenzen. Insgesamt bleiben die Unterschiede über die Schulzeit hinweg weitgehend stabil. So gehören am Ende der Grundschule nur 12 % der Kinder aus unteren sozialen Schichten zu den leistungsstärksten Schüler:innen in Mathematik, aber 40 % der Kinder aus hohen sozialen Schichten. (Abb. 2: Wahrscheinlichkeit, zu den kompetenzstärksten SuS in Mathe zu gehören)

Die Rolle der Eltern und der Lehrkräfte für den Übertritt aufs Gymnasium
Besonders deutlich werden soziale Ungleichheiten bei schulischen Bewertungen und Übergangsentscheidungen. Hier bleibt der Vorsprung von Kindern aus Familien mit hohen finanziellen Ressourcen und hohem Berufs- und Bildungsstatus bestehen. Ein Teil dieser Unterschiede lässt sich durch unterschiedliche Kompetenzniveaus erklären. Allerdings bleiben auch bei gleichen Kompetenzen deutliche Herkunftseffekte bestehen. (Abb. 3: Wahrscheinlichkeit für gute Noten in Deutsch und Mathe)

Der berufliche Status und das Bildungsniveau der Eltern beeinflussen den Übergang auf das Gymnasium dabei in mehrfacher Hinsicht. So erhalten privilegierte Kinder bei vergleichbaren Kompetenzen häufiger bessere Noten als Kinder aus Familien mit sozial niedrigem Status. Ähnliche Bewertungsunterschiede durch Lehrkräfte lassen sich auch bei den Übertrittsempfehlungen feststellen. Kinder von Eltern mit niedrigem beruflichem Status und niedrigem Bildungsniveau werden auch bei gleichen Kompetenzen und gleichen Noten seltener für das Gymnasium empfohlen als Kinder aus Familien mit hohen Niveaus. Unabhängig von der Empfehlung melden Familien mit hohem Sozialstatus ihre Kinder zudem häufiger am Gymnasium an.

Hauptschulabschluss trotz hoher Kompetenzen: Verletzung des Leistungsprinzips
Im weiteren Verlauf der Sekundarstufe bleiben die sozialen Unterschiede beim Gymnasialbesuch weitgehend bestehen. Zwar verringern sich am Übergang zur Sekundarstufe II teilweise die Unterschiede zwischen mittleren und hohen sozialen Schichten, dennoch erreichen Jugendliche aus privilegierten Familien deutlich häufiger die (Fach-)Hochschulreife. Am Ende der Schulzeit hat nur etwa ein Drittel der Jugendlichen aus niedrigen sozialen Schichten eine Studienberechtigung erzielt, gegenüber mehr als drei Viertel aus hohen sozialen Schichten – und dieser Unterschied ist nur teilweise auf Kompetenzunterschiede zurückzuführen. Jugendliche mit niedriger Bildungsherkunft und aus armen Familien haben – bei gleichen schulischen Kompetenzen – zudem ein höheres Risiko, maximal einen Hauptschulabschluss zu erreichen. (Abb. 4: Wahrscheinlichkeit für Abitur oder Hauptschulabschluss)

„Dies widerspricht“, so Prof. Dr. Marcel Helbig, Bildungssoziologe und Mitautor der Studie, „dem meritokratischen Leistungsprinzip, nach dem Bildungszertifikate auf tatsächlich erworbenen schulischen Kompetenzen basieren sollen.“

Migrationshintergrund allein erklärt Benachteiligungen nicht
Ferner zeigt sich, dass Kinder mit Migrationshintergrund bei vergleichbaren sozialen Ausgangsbedingungen zwar niedrigere Kompetenzen aufweisen, aber weder bei der Bewertung durch Lehrkräfte noch in ihren Bildungsverläufen benachteiligt sind. Die Studie zeigt, dass Kinder mit Migrationshintergrund vor allem aufgrund ihrer niedrigeren sozialen Lage niedrigere Schulabschlüsse erwerben – und nicht wegen ihres Migrationshintergrunds.

Lücke zwischen gewollter Chancengerechtigkeit und empirischer Realität
„Von der Kita bis zur Uni: Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg beeinflussen“ zeichnet ein umfassenderes Bild von Bildungsungleichheiten als es punktuelle Leistungsmonitorings wie PISA oder IQB-Bildungstrend leisten können. Durch die Langzeitperspektive des NEPS ist es möglich, entscheidende Phasen für ungleiche Bildungschancen aufzuzeigen und die Lücke zwischen gewollter Chancengerechtigkeit und empirischer Realität zu benennen.

 

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Hintergrund der Studie
Möglich wird diese umfassende empirische Perspektive durch die Nutzung der Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS). Das NEPS ist ein System eng miteinander verzahnter Panelstudien, das Bildungsprozesse über lange Zeiträume hinweg abbildet. Für die Studie von Helbig, Karwath und Kleinert wurden die ersten vier NEPS-Startkohorten mit repräsentativen Stichproben von Neugeborenen, Grundschulkindern, Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I sowie Jugendlichen im Übergang zur Sekundarstufe II herangezogen und erstmals in diesem Umfang mit dem Fokus auf der Entstehung von Bildungsungleichheiten analysiert. Dieses Vorgehen nutzt die NEPS-Daten damit in herausragender Weise und unterstreicht den analytischen Wert der über Jahre erhobenen Datensätze als Grundlage für eine differenzierte, lebenslauforientierte Bildungsforschung, die neue empirische Anhaltspunkte für die Diskussion um Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem liefert.

Die Studie wurde von der Unternehmerstiftung für Chancengerechtigkeit gefördert und von Forschenden des Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) durchgeführt. Mehr zur Stiftung: https://www.unternehmerstiftung.org/

Weitere Neuigkeiten

NEPS | Nationales Bildungspanel

Das Nationale Bildungspanel ist die größte bildungswissenschaftliche Langzeitstudie in Deutschland. Durch die kontinuierliche Befragung und Testung von mehr als 70.000 Menschen entsteht und wächst ein international bedeutsamer Datenschatz, durch den Bildungsprozesse von der Geburt bis ins hohe Erwachsenenalter erforscht werden können.

Das NEPS vereint die Expertise von über 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an mehr als 13 Standorten deutschlandweit und ist am LIfBi in Bamberg beheimatet.

Großprojekte

 

Daten- und Serviceportal

Unser Daten- und Serviceportal beinhaltet das vollständige Angebot an Forschungsdaten des LIfBi und diesbezüglichen Dienstleistungen. Es informiert über die Voraussetzungen des Zugangs zu den Daten und unterstützt bei der Suche nach Variablen und Dokumentationsmaterialien. Das Portal verweist auf zahlreiche Hilfen für den Umgang mit den verfügbaren Scientific-Use-Files. 

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LIfBi Lectures

Die Vortragsreihe LIfBi Lectures bildet eine offene wissenschaftliche Dialogplattform über Fachgrenzen und Institutsbereiche hinweg. Gerade jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gibt die Vortragsreihe die Möglichkeit zur Vernetzung und zum interdisziplinären Dialog in unterschiedlichen Formaten rund um die Vorträge.

Zu den Veranstaltungen

Transfer

Zur Vermittlung unserer Forschungsergebnisse und dem Transfer unserer wissenschaftlichen Expertise werden am LIfBi die wichtigsten Themen und Aktivitäten des LIfBi aufbereitet, beispielsweise im Jahresbericht, in den LIfBi-News und im Newsletter LIfBi info. Unsere Transferberichte präsentieren Forschungsergebnisse allgemein verständlich.

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Publikationen

Die Forschenden am LIfBi publizieren zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten. Das Leibniz Institut gibt auch zwei eigene Publikationsreihen LIfBi Working Paper und NEPS Survey Paper sowie Transferberichte zu gesellschaftliche hochrelevanten Themen heraus.

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Karriere

Rund 250 Personen arbeiten derzeit am LIfBi in den Bereichen Forschung, Infrastruktur und Verwaltung. Unser wissenschaftliches Personal ist international und interdisziplinär aufgestellt – genau wie unsere Forschung. Diversität und Chancengleichheit gehören auf allen Ebenen zu unserem Selbstverständnis. Als familienfreundlicher Arbeitgeber unterstützt das LIfBi die Vereinbarkeit von Familienleben und Berufstätigkeit.

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Infrastruktur

Unsere Expertise als Infrastruktureinrichtung umfasst die Entwicklung von geeigneten Kompetenztests und Befragungsinstrumenten, über die Administration von großangelegten Bildungsstudien, bis hin zur Erforschung von wissenschaftlichen Methoden der Datenerhebung und -auswertung. Die gewonnen und aufbereiteten Daten stellen wir Forschenden weltweit kostenlos zur Verfügung. 

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Medien

Gerne vermitteln wir Ihnen Kontakte zu den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des LIfBi. Bei Medienanfragen bieten wir umfassende Unterstützung und organisieren Hintergrundgespräche für Politik, Redaktionen und Verbände. Unsere überregionalen Pressemitteilungen finden Sie im externen Presseportal. Auch in unseren Presseverteiler nehmen wir sie bei Interesse gerne auf.

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